DIN SPEC 33453: Was die Spezifikation für digitale Dienstleistungssysteme regelt und wie Sie sie nutzen

Die DIN SPEC 33453 „Entwicklung digitaler Dienstleistungssysteme“ ist ein kostenloser Leitfaden für Unternehmen, die aus Produkten, Daten und Know-how neue digitale oder hybride Dienstleistungen machen wollen, etwa Fernwartung, Zustandsüberwachung oder Nutzungsmodelle mit Abrechnung pro Einsatz. Dieser Beitrag erklärt, was in der Spezifikation steht, wie sie entstanden ist, wie sie sich von einer Norm unterscheidet und wie Sie sie in einem eigenen Projekt einsetzen.

Steckbrief

MerkmalAngabe
TitelDIN SPEC 33453:2019-09 „Entwicklung digitaler Dienstleistungssysteme“ (englisch: Development of digital service systems)
ErschienenSeptember 2019
Umfang53 Seiten, Sprache Deutsch
VerfahrenPAS (Publicly Available Specification)
Preiskostenloser PDF-Download bei DIN Media (früher Beuth Verlag)
DOI10.31030/3085072
Entstanden inBMBF-Fördermaßnahme „Dienstleistungsinnovation durch Digitalisierung“, federführend der Lehrstuhl von Prof. Dr. Daniel Beverungen an der Universität Paderborn im Projekt Digivation

Wofür die Spezifikation gedacht ist

Viele Industrieunternehmen verkaufen bis heute vor allem Maschinen und Ersatzteile. Digitale Dienstleistungen verändern dieses Geschäft: Ein Hersteller überwacht seine Anlagen beim Kunden aus der Ferne, plant Wartung vorausschauend oder rechnet nach Nutzung ab, statt die Maschine zu verkaufen. Solche Angebote entstehen selten aus einer einzelnen Abteilung. Technik, Service, Vertrieb, IT und oft auch Partner müssen zusammenarbeiten, und genau hier setzt die DIN SPEC 33453 an: Sie gibt dem Entwicklungsprozess eine gemeinsame Struktur und gemeinsame Begriffe.

Der Begriff Dienstleistungssystem ist dabei bewusst gewählt. Gemeint ist nicht nur die Leistung selbst, sondern das Zusammenspiel aus Menschen, Technik, Daten, Prozessen und beteiligten Organisationen, das sie erst möglich macht.

Aufbau: drei Phasen ohne festen Startpunkt

Das Vorgehensmodell der Spezifikation gliedert die Entwicklung in drei Kernphasen. Leitfragen und Beispielergebnisse in der Tabelle sind eine vereinfachte Zusammenfassung der Redaktion, keine Zitate aus der Spezifikation:

PhaseLeitfrageBeispielhafte Ergebnisse
AnalyseWelches Problem lösen wir für wen, und was bringen wir dafür schon mit?Ideen, Kundenbedarfe, Anforderungen, Bewertung vorhandener Daten und Ressourcen
GestaltungWie sieht die Dienstleistung konkret aus?Leistungsbeschreibung, Prozesse, Rollen, Geschäftsmodell, Prototypen
ImplementierungWie bringen wir die Leistung in den Betrieb und an den Markt?Pilotbetrieb, Einführung, Schulung, Weiterentwicklung

Wichtig ist, dass das Modell agil gedacht ist. Es gibt keinen festen Start- oder Endpunkt: Ein Unternehmen, das bereits einen Prototyp hat, steigt in der Gestaltung ein und springt bei Bedarf zurück in die Analyse. Den drei Phasen sind laut Fachpresse rund 30 Einzelaktivitäten zugeordnet, die sich an Größe und Situation des Unternehmens anpassen lassen.

Daneben beschreibt die Spezifikation Gestaltungsdimensionen, also Themen, die in jeder Phase geklärt sein sollten und mit jedem Durchlauf genauer werden. Im Anhang finden sich außerdem 30 Kreativmethoden als Vorlagen, jeweils mit dem Hinweis, in welchen Phasen sie sich eignen.

DIN SPEC oder Norm: der Unterschied

Eine DIN SPEC nach dem PAS-Verfahren ist keine DIN-Norm. Sie entsteht schneller und mit einem kleineren Kreis von Beteiligten: Nicht alle interessierten Kreise müssen mitwirken, und es ist kein Konsens aller Beteiligten nötig. Das macht DIN SPECs zu einem verbreiteten Weg, Ergebnisse aus Forschungsprojekten in eine nutzbare Form zu bringen.

Für die Praxis heißt das: Die DIN SPEC 33453 ist eine Empfehlung und ein Arbeitsrahmen, keine Pflicht und keine Grundlage für eine Zertifizierung. Sie bündelt den Stand der Forschung und die Erfahrungen der beteiligten Verbundprojekte bis 2019.

Wie die Spezifikation entstanden ist

Erarbeitet wurde die DIN SPEC 33453 von Vertretern ausgewählter Verbundprojekte der BMBF-Fördermaßnahme „Dienstleistungsinnovation durch Digitalisierung“ und weiteren Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft. Die Federführung lag nach Angaben der Universität Paderborn beim Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik von Prof. Dr. Daniel Beverungen. Organisatorisch war die Arbeit Teil des Metaprojekts Digivation, das die Projekte der Förderlinie vernetzte und ihre Ergebnisse für die Praxis aufbereitete. Mehr zum Projekt, zu den Partnern und den weiteren Ergebnissen lesen Sie im Beitrag Digivation: das BMBF-Projekt zu digitalen Services.

Im November 2020 veröffentlichte die Universität Paderborn eine Reihe von Erklärvideos zur Spezifikation. Das erste Video zeigt die Entwicklungsschritte am Beispiel eines Herstellers, der für einen 3D-Drucker ein Angebot mit Bezahlung pro Nutzung entwickelt: von der Ideenfindung und Analyse über den Prototyp bis zur Marktreife.

So setzen Sie die DIN SPEC 33453 im eigenen Projekt ein

Die Spezifikation ist kein Rezept, das man von vorne bis hinten abarbeitet. Bewährt hat sich ein pragmatischer Einstieg:

  1. Standort bestimmen: Klären Sie, in welcher Phase Ihr Vorhaben steht. Gibt es nur eine Idee, beginnen Sie mit der Analyse; läuft schon ein Pilot, mit der Implementierung.
  2. Gemeinsame Sprache schaffen: Nutzen Sie die Begriffe der Spezifikation in Workshops mit Technik, Service und Vertrieb. Das verhindert, dass jede Abteilung unter „Service“ etwas anderes versteht.
  3. Aktivitäten auswählen: Gehen Sie die Aktivitäten der aktuellen Phase durch und streichen Sie, was für Ihr Unternehmen nicht passt. Die Spezifikation ist ausdrücklich auf Anpassung ausgelegt.
  4. Methoden aus dem Anhang nutzen: Für Ideenfindung und Konzeptarbeit bieten die Kreativmethoden fertige Vorlagen, die sich direkt in Workshops einsetzen lassen.
  5. Informationen von Anfang an mitdenken: Digitale Dienste brauchen verlässliche Daten und Dokumentation, etwa zu Ersatzteilen, Baugruppen und Abläufen. Die Fachzeitschrift technische kommunikation empfiehlt deshalb, die Technische Redaktion früh einzubinden.
  6. In Schleifen arbeiten: Planen Sie bewusst Rücksprünge ein. Erkenntnisse aus dem Pilotbetrieb fließen zurück in Analyse und Gestaltung.

Für wen sich die Lektüre lohnt

  • Hersteller im Maschinen- und Anlagenbau, die Serviceangebote wie Condition Monitoring, Predictive Maintenance oder Fernwartung aufbauen.
  • Mittelständische Dienstleister, die bestehende Leistungen digitalisieren und dafür einen strukturierten Prozess brauchen.
  • Produkt- und Innovationsmanager, die ein Vorgehensmodell suchen, das Technik und Geschäftsmodell gemeinsam betrachtet.
  • Hochschulen und Berater, die eine frei zugängliche, zitierfähige Referenz für Service Engineering benötigen.

Wo Sie die Spezifikation erhalten

Die DIN SPEC 33453 steht bei DIN Media als kostenloses PDF zum Download bereit. Für Literaturverzeichnisse eignet sich die DOI 10.31030/3085072. Vertiefende Fallstudien aus der Förderlinie finden sich in den beiden Springer-Bänden „Dienstleistungsinnovationen durch Digitalisierung“, die im Digivation-Beitrag vorgestellt werden.

Quellen