Der Savedroid-Vorfall 2018: Inszenierter Exit-Scam, Reaktionen und Folgen

Im April 2018 sah es für einen Tag so aus, als sei der Gründer des Frankfurter Fintechs Savedroid mit dem Geld aus dem Token-Verkauf verschwunden. Tatsächlich war es eine vom Unternehmen geplante Aktion. Dieser Beitrag rekonstruiert anhand von Medienberichten, was passierte, wie das Unternehmen die Aktion begründete, welche Verfahren folgten und was aus Savedroid wurde.

Chronologie auf einen Blick

DatumEreignis
September 2015Gründung von Savedroid in Frankfurt am Main
Februar/März 2018Initial Coin Offering (ICO): rund 40 Millionen Euro von etwa 35.000 Anlegern
18. April 2018Website offline, Tweet des Gründers: „Thanks guys! Over and out“
19. April 2018Website wieder online, Video mit Erklärung; Staatsanwaltschaft Frankfurt prüft den Vorgang
8. Mai 2018Gründer entschuldigt sich im Handelsblatt-Interview
2019Anlegerklagen, Wiederaufnahme der Ermittlungen, Streit um 4,2 Millionen Euro beim Treuhänder
Oktober 2019Börsennotiz über den Börsenmantel Advanced Bitcoin Technologies (Börse Düsseldorf)
September 2020Staatsanwaltschaft Frankfurt stellt das Ermittlungsverfahren ein
Dezember 2020Ankündigung: Die Savedroid-App wird zum Jahresende eingestellt

Was war Savedroid?

Savedroid wurde laut Business Insider im September 2015 von Yassin Hankir, Marco Trautmann und Tobias Zander gegründet. Die erste App half beim automatischen Sparen: Nutzerinnen und Nutzer legten Wenn-dann-Regeln fest, nach denen kleine Beträge zurückgelegt wurden. 2016 erhielt das Start-up eine Seed-Finanzierung von rund einer Million Euro.

Während des Krypto-Booms richtete sich Savedroid auf digitale Währungen aus. Im Februar und März 2018 verkaufte das Unternehmen in einem ICO eigene Token, die SVD-Token. Laut Handelsblatt kamen rund 40 Millionen Euro von etwa 35.000 Anlegern zusammen. Internationale Medien sprachen von rund 50 Millionen US-Dollar. Das Geld sollte in eine Plattform fließen, über die Privatleute einfach in Kryptowährungen sparen können.

Der 18. April 2018

Am Morgen des 18. April 2018 war die Website von Savedroid nicht mehr erreichbar. Stattdessen erschien ein Bild aus der Zeichentrickserie „South Park“ mit dem Satz „Aaaand it’s gone“. Mittags veröffentlichte Hankir auf Twitter die Nachricht „Thanks guys! Over and out …“, dazu ein Foto von sich mit einem Bier. Viele Anleger und Medien gingen von einem Exit-Scam aus, also davon, dass sich die Verantwortlichen mit dem eingesammelten Geld abgesetzt hätten. Das war naheliegend, weil kurz zuvor mehrere ICOs tatsächlich auf diese Weise verschwunden waren. TechCrunch berichtete zunächst über einen weiteren mutmaßlichen Exit-Scam. Ein Autor des Frankfurter Stadtblogs Hallo Frankfurt fuhr noch am selben Tag zum Büro des Unternehmens und veröffentlichte Fotos der verlassenen Räume. Die Bilder griffen unter anderem das IT Finanzmagazin und das US-Portal Crypto Briefing auf.

Die Auflösung

Am Morgen des 19. April war die Website wieder online. In einem Video erklärte Hankir, das Verschwinden sei eine bewusst drastische Kampagne gewesen. Nach seiner Darstellung wollte Savedroid zeigen, wie einfach selbst ein reguliertes deutsches Unternehmen mit dem Geld seiner Anleger hätte verschwinden können, und so auf die vielen Betrugsfälle im ICO-Markt aufmerksam machen.

Wenige Wochen später sagte Hankir im Interview mit dem Handelsblatt, man müsse sich „aufrichtig entschuldigen“. Form und Mittel der Aktion seien falsch gewesen, am Anliegen halte er fest. Nach seinen Angaben hatte das Unternehmen inzwischen einen PR-Berater eingestellt.

Reaktionen und rechtliches Nachspiel

Die Aktion stieß in der Fintech-Branche und bei vielen Anlegern auf heftige Kritik. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt kündigte noch am 19. April an, den Vorgang zu prüfen und über ein Ermittlungsverfahren zu entscheiden. Hankir erklärte damals, die Polizei habe den Fall bereits geprüft und keinen Anlass für Ermittlungen gesehen.

Die weiteren Schritte laut Berichten von Finance Forward, Business Insider und Börsen-Zeitung:

  • Ermittlungen: 2019 nahm die Staatsanwaltschaft Frankfurt zuvor eingestellte Ermittlungen wegen Betrugsverdachts wieder auf. Im selben Jahr hatte ein Rechtsanwalt Strafanzeige gegen drei Vorstände erstattet. Im September 2020 stellte die Behörde das Verfahren ein. Eine Begründung nannte die Börsen-Zeitung nicht.
  • Treuhandgelder: Ein Rechtsanwalt, der beim ICO als Treuhänder rund 4,2 Millionen Euro entgegengenommen hatte, gab das Geld mit Verweis auf aus seiner Sicht bestehende Unregelmäßigkeiten nicht frei. Savedroid verklagte ihn daraufhin.
  • Anlegerklagen: Einzelne Anleger klagten auf Rückzahlung, unter anderem mit dem Argument, die Belehrung über das Widerrufsrecht sei unzureichend gewesen. Laut Business Insider ging im Februar 2020 ein Gerichtsverfahren zugunsten des Unternehmens aus.

Was aus Savedroid wurde

2019 erschien eine neue App-Version, mit der Nutzer in Bitcoin, Ethereum, Litecoin und Bitcoin Cash sparen konnten. Pro Transaktion behielt Savedroid laut Business Insider drei Prozent ein. Im Oktober 2019 gelangte das Unternehmen über den Börsenmantel Advanced Bitcoin Technologies (ABT) an die Börse Düsseldorf. Der Kurs stieg laut Business Insider von rund einem Euro bis Januar 2020 auf etwa 16 Euro und fiel danach unter zwei Euro.

Im April 2020 meldete das Unternehmen Kurzarbeit an. Im Sommer 2020 brach Wirecard zusammen, dessen Bank seit 2016 die Konten der Savedroid-Nutzer geführt hatte. Am 17. Dezember 2020 kündigte ABT an, die Savedroid-App zum Jahresende einzustellen. Als Grund nannte das Unternehmen eine strategische Neuausrichtung auf eine Transaktionsplattform für mehrere Währungen. Den Nutzern wurde eine Kreditkarte in Kooperation mit der Advanzia Bank angeboten.

Einordnung: der ICO-Markt 2017/2018

Der Fall fiel in eine Phase, in der Token-Verkäufe weitgehend außerhalb klassischer Anlegerschutzregeln stattfanden. Die Finanzaufsicht BaFin hatte bereits am 9. November 2017 vor ICOs gewarnt: Anleger müssten mit einem Totalverlust rechnen, das große Interesse ziehe auch Betrüger an, und die Unterlagen der Anbieter seien nicht mit geprüften Wertpapierprospekten vergleichbar. Vor diesem Hintergrund hielten auch Fachmedien wie TechCrunch den vorgetäuschten Exit-Scam zunächst für echt.

Was Kommunikationsverantwortliche daraus mitnehmen können

Aufmerksamkeitsstarke Aktionen gehören zum Handwerk von PR und Marketing. Der Savedroid-Fall zeigt die Grenzen, sobald Geld von Kunden im Spiel ist. Prüfen Sie vor jeder provokanten Kampagne:

  • Kann jemand die Aktion als echten Schaden verstehen, etwa als Verlust von Geld, Daten oder Zugängen?
  • Wie lange bleiben Betroffene im Unklaren, und was können sie in dieser Zeit tun?
  • Gibt es Pflichten gegenüber Behörden, Anlegern oder Geschäftspartnern, die eine Täuschung berührt?
  • Passt die Botschaft zu dem, was Ihre Zielgruppe von Ihnen erwartet?

Wie Sie Kampagnen aus Ihrer Strategie ableiten statt aus dem Wunsch nach Reichweite, lesen Sie im Beitrag Marketing-Strategie entwickeln. Wie Botschaften bei der Zielgruppe ankommen, behandelt die Sprache der Zielgruppe. Wie sich Wirkung messen lässt, erklärt der Beitrag zu Content-Marketing-KPIs. Ein weiteres Start-up-Porträt mit Krypto-Bezug ist GetBaff, das 2022 eine NFT-Kollektion für Katjes umsetzte.

Quellen