Am 15. März 1815 unterschrieb der Frankfurter Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel das Testament, mit dem er das Städel Museum begründete. 2015 feierte das Haus seinen 200. Geburtstag. Dieser Beitrag erklärt, wie die Stiftung entstand, welche Stationen das Museum prägten und was das Jubiläumsjahr gebracht hat: mit Besucherzahlen, Ausstellungen und einer Digitalstrategie, die für Kulturmarketing bis heute lehrreich ist.
Die Stiftung: ein Bürger gründet ein öffentliches Museum
Johann Friedrich Städel (1728–1816) führte zunächst den Gewürzhandel seines Vaters weiter und machte sich 1784 mit einem eigenen Geschäft am Frankfurter Rossmarkt selbstständig. Aus dem Warenhandel wuchsen Kommissions- und Bankgeschäfte, die schließlich zu seinem Kerngeschäft wurden. Seit den 1760er-Jahren sammelte er Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik und Kleinplastiken.
Sein Plan: Die Sammlung sollte öffentlich zugänglich werden, und zugleich sollten junge Künstler ausgebildet werden. Städel überarbeitete sein Testament dreimal, zuletzt am 15. März 1815. Er vermachte sein gesamtes Vermögen von 1,3 Millionen Gulden und seine Sammlung einer Stiftung, dem „Städelschen Kunstinstitut“. Zur Sammlung gehörten bei seinem Tod rund 476 Gemälde, etwa 4.600 Zeichnungen und knapp 10.000 Druckgrafiken. Nach Darstellung des Museums war Städel damit der erste Bürger im deutschsprachigen Raum, der ein öffentliches Kunstmuseum und eine Kunstakademie gründete, die heutige Städelschule.
Der „Städel-Paragraf“ im BGB
Das Testament hatte ein juristisches Nachspiel. Entfernte Verwandte fochten es an, weil Städel sein Vermögen einer Stiftung vermacht hatte, die zu seinen Lebzeiten noch nicht existierte. Nach elf Jahren Streit einigte man sich auf einen Vergleich. Der Fall führte zu einer Regel, die bis heute im Bürgerlichen Gesetzbuch steht: Wird eine Stiftung erst nach dem Tod des Stifters anerkannt, gilt sie für dessen Zuwendungen als schon vor seinem Tod entstanden. Früher stand das in § 84 BGB, heute in § 80 Absatz 2 BGB.
Stationen der Museumsgeschichte
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1815 | Städel unterzeichnet am 15. März sein Testament und begründet die Stiftung. |
| 1816 | Tod des Stifters; die Sammlung bleibt zunächst in seinem Haus am Rossmarkt. |
| 1833 | Museum und Kunstschule ziehen in ein Palais in der Neuen Mainzer Straße. |
| 1878 | Eröffnung des Neubaus von Oskar Sommer am Sachsenhäuser Mainufer (heute Schaumainkai). |
| 1899 | Gründung des Städelschen Museums-Vereins als Förderverein der Bürgerschaft. |
| ab 1907 | Die Stadt richtet innerhalb der Stiftung eine Städtische Galerie für moderne Kunst ein. |
| 1937 | Die NS-Aktion „Entartete Kunst“ führt zu erheblichen Verlusten in der Abteilung der Moderne. |
| 1943/1944 | Schließung des Hauses; im folgenden Jahr schwere Schäden durch Bombenangriffe. |
| 1963 | Wiedereröffnung am 9. November, 20 Jahre nach der Schließung. |
| 1990 | Erweiterungsbau von Gustav Peichl an der Holbeinstraße. |
| 2012 | Unterirdische Gartenhallen von schneider+schumacher: rund 3.000 m² zusätzliche Fläche für Gegenwartskunst. |
Zum Jubiläum umfasste die Sammlung nach Angaben des Museums rund 3.000 Gemälde, 600 Skulpturen, über 4.000 Fotografien und mehr als 100.000 Zeichnungen und Grafiken. Sie deckt etwa 700 Jahre europäische Kunst ab, vom frühen 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart, mit Werken unter anderem von Dürer, Botticelli, Rembrandt, Monet, Picasso, Beckmann, Bacon und Gerhard Richter.
Das Jubiläumsjahr 2015
Die Feiern begannen am 15. März 2015, auf den Tag 200 Jahre nach der Unterzeichnung des Stiftungsbriefs, mit einem Bürgerfest unter dem Motto „200 Jahre Städel: Ein Geschenk für alle“. Über 10.000 Menschen kamen bei freiem Eintritt ins Haus. Laut Jahresbericht zählte das Städel 2015 insgesamt 651.036 Besucher, so viele wie nie zuvor in einem Jahr.
Die Ausstellungen im Jubiläumsjahr
| Ausstellung | Laufzeit | Besucher |
|---|---|---|
| Jean-Jacques de Boissieu. Ein Zeitgenosse Städels | 11.02.–10.05.2015 | 25.829 |
| Monet und die Geburt des Impressionismus | 11.03.–28.06.2015 | 432.121 |
| William Hogarth | 10.06.–06.09.2015 | 28.603 |
| Die 80er. Figurative Malerei in der BRD | 22.07.–18.10.2015 | 60.905 |
| Dialog der Meisterwerke. Hoher Besuch zum Jubiläum | 07.10.2015–24.01.2016 | 145.712 |
| John Baldessari. The Städel Paintings | 05.11.2015–24.01.2016 | 35.262 |
Die Monet-Schau mit rund 100 Werken, darunter etwa 50 Gemälden von Claude Monet, wurde mit Abstand die erfolgreichste Ausstellung in der Geschichte des Hauses. Für „Dialog der Meisterwerke“ stellten die Kuratoren Werke der eigenen Sammlung 65 Leihgaben aus Häusern wie der Albertina, dem Musée d’Orsay, der Tate oder der National Gallery of Art in Washington gegenüber; die Schau nutzte erstmals die gesamte Sammlungsfläche. John Baldessari schuf für seine Ausstellung 16 neue Werke, die sich auf Bilder aus der Städel-Sammlung beziehen. Unter den Neuerwerbungen des Jahres war eine Aktstudie von Edgar Degas.
Zum Jubiläum erschien bei Prestel die Festschrift „…zum Besten hiesiger Stadt und Bürgerschaft. 200 Jahre Städel“, unter anderem mit Beiträgen von Thomas Gaehtgens, Florian Illies und Martin Mosebach.
Die digitale Erweiterung: was Marketer daraus lernen können
Das Städel nutzte das Jubiläum, um eine ganze Reihe digitaler Angebote zu starten, die kostenlos nutzbar waren. Der Jahresbericht 2015 nennt dazu konkrete Zahlen:
- Digitorials: multimediale Einführungen zur Vorbereitung auf Ausstellungen, knapp 300.000 eindeutige Seitenaufrufe im Jahr 2015; das Digitorial zur Monet-Ausstellung erhielt den Grimme Online Award.
- Städel Digitale Sammlung: Beta-Version mit über 900 Werken und mehr als 70.000 Verknüpfungen, mit einer Suche nach inhaltlichen und assoziativen Kriterien.
- Städel App: Audiotracks, Filmclips und Texte zu über 100 Sammlungshighlights, 35.000 Downloads.
- „Imagoras“: ein kostenloses Tablet-Spiel für Kinder ab acht Jahren, ausgezeichnet mit der Goldenen GIGA-Maus.
- Website: 3.202.472 Seitenaufrufe, 77 Prozent mehr als 2014.
- Social-Media-Abend: Am 21. November 2015 lud das Museum 120 Blogger und andere Online-Multiplikatoren ein. Der Hashtag #200JahreStaedel erreichte Platz drei der deutschen Twitter-Trends.
Bemerkenswert ist die Logik dahinter: Die Angebote verlängern den Museumsbesuch nach vorn (Vorbereitung per Digitorial), in den Besuch hinein (App vor dem Werk) und danach (Online-Sammlung). Jedes Format spricht eine andere Zielgruppe an, und für jedes gibt es eine messbare Kennzahl. Wie Sie solche Kennzahlen für eigene Inhalte festlegen, lesen Sie im Beitrag zur Erfolgsmessung im Content-Marketing. Den Gedanken, Inhalte konsequent nach Zielgruppen zu gestalten, vertieft unser Artikel über die Sprache der Zielgruppe.
Das Städel nach dem Jubiläum
Max Hollein, der das Haus seit 2006 geleitet hatte, wechselte 2016 nach San Francisco. Seit dem 1. Oktober 2016 ist Philipp Demandt Direktor des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung. Die Digitale Sammlung, 2015 als Beta gestartet, ist weiterhin online. Das Museum beschreibt sich heute als älteste Museumsstiftung in Deutschland; getragen wird es weiter von der Stiftung und von bürgerschaftlicher Unterstützung, etwa durch den Städelschen Museums-Verein, der zum Jubiläum über 7.600 Mitglieder zählte.
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Quellen
- Städel Museum, Presseinformation (2015): 200 Jahre Städel: Daten und Fakten (PDF)
- Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung: Jahresbericht 2015 (PDF)
- Städel Museum: The Städel (Selbstdarstellung, Leitung, Gebäude)
- Städel Stories: Städel in elf Fakten – das etwas andere Kurzporträt des Museumsbegründers
- Gesetze im Internet: § 80 BGB – Ausgestaltung und Entstehung der Stiftung
- Monopol (24.06.2016): Nachfolger von Hollein: Demandt wird neuer Städel-Chef
- Städel Museum: Digitale Sammlung